Kraut des Monats (9/25)

Roter Fingerhut (Digitalis purpurea)

Die Urlaubszeit neigt sich dem Ende zu, die Urlauber kehren langsam wieder in heimische Gefilde zurück und zeigen den Daheimgebliebenen stolz die Fotos ihrer Reise. Auch ich habe in meinem Urlaub viele, viele Fotos gemacht, unter anderem auch vom Roten Fingerhut, den ich daraufhin spontan zur neuen Pflanze des Monats gekürt habe.

Der Fingerhut ist schon eine ganz besondere Pflanze. Er sieht nicht nur wunderschön aus, sondern ist auch eine der giftigsten Pflanzen Europas, dabei gleichzeitig aber auch ein wichtiges Heilmittel. Wie das zusammenpasst?  Nun ja, wie schon der große Alchemist Paracelsus gesagt hat: Die Dosis macht das Gift. Der Fingerhut enthält den Giftstoff Digitoxin (passend nach ihm benannt), der die Kontraktion des Herzmuskels anregt. In geringer Dosis ist er somit ein gutes Mittel bei Herzschwäche, bei Überdosierung führt er zur Verkrampfung des Herzmuskels bis zum Herzstillstand. Schon zwei bis drei Blätter können für einen Erwachsenen tödlich sein. In Herzmedikamenten wird heute nur das extrahierte Digitoxin verwendet, da hier die Dosierung leichter fällt als bei Verwendung der ganzen Pflanze. Von Eigenmedikation wird dringend abgeraten!

Der Rote Fingerhut kommt in West- und Mitteleuropa auf kalkarmen, eher sauren Böden vor. Im Gebirge ist er dabei deutlich häufiger als im Flachland. Er wächst besonders gerne auf Lichtungen, die durch Kahlschlag oder Borkenkäfer entstanden sind. Im Nationalpark Bayrischer Wald (von wo ich meine Fotos mitgebracht habe) findet er damit ideale Bedingungen auf den großen Flächen, die der Borkenkäfer dort in den Wald gefressen hat.

Die purpur- bis zartrosafarbigen Blüten findet man von Juni bis August an 1-2 m langen Stängeln, allerdings nur an zweijährigen Pflanzen, denn im ersten Lebensjahr bildet der Fingerhut erst einmal nur eine Blattrosette ohne Blüten aus. Bestäubt werden die Blüten fast ausschließlich durch Hummeln. Sie sind die einzigen, die die Sperrhaare am Blüteneingang zur Seite schieben können. Kleinere Insekten sperrt der Fingerhut ganz einfach aus. Sollte man wirklich einmal in die Situation kommen, sich im Bergwald zu verirren und weder Handy noch GPS noch Karte noch Kompass bei sich zu haben, kann man sich an den Blüten des Fingerhuts orientieren. Die richten sich nämlich nach der Sonne aus und schauen auf sonnigen Standorten immer nach Süden.

Woher der Fingerhut seinen Namen hat, ist nicht schwer zu erraten. Die langen Blütenkelche haben genau die richtige Form, um sie sich auf den Finger zu stecken. In englischen und irischen Geschichten werden sie aber noch als ganz andere Kleidungsstücke verwendet, z. B. als Hütchen für Elfen und Feen. Böse Feen sollen außerdem den Füchsen die Fingerhutblüten als Schuhe geschenkt haben, mit denen sie sich lautlos bewegen und unbemerkt in Hühnerställe schlüpfen konnten. Vor einem Fingerhut sollen sich einst Liebende die Ehe versprochen haben. Aber Vorsicht, dieses Versprechen sollte man besser einhalten, oder zumindest eine gute Erklärung dafür haben, dass man es bricht. Denn nach einer solchen wird einen der Geist des Fingerhuts dann fragen. Und wenn man keine zu bieten hat… nun, wir haben ja oben gesehen, dass der Fingerhut keine ganz harmlose Pflanze ist…

Text und Bilder: Annemie Kastlmeier

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