Kraut des Monats (12/25)

Weißtanne (Abies alba)

Es ist wieder einmal so weit: zur Freude der einen und zum Stress der anderen steht das Weihnachtsfest bevor und was wäre da naheliegender, als über eine Pflanzte zu schreiben, die zu dieser Zeit so präsent ist wie keine andere: Den Tannenbaum. Zwar ist es heute kaum noch die heimisch Weißtanne, die an Weihnachten in unseren Wohnzimmern steht, sondern die Nordmanntanne, die mit ihren buschigen Nadeln viel mehr unserer Vorstellung von einem Bilderbuchbaum entspricht, doch die Weißtanne ist und bleibt ein Weihnachtsbaum durch und durch. Schon die Tännchen in ihrem ersten Lebensjahr sehen aus wie kleine Sterne und die Zapfen, die aufrecht an den Zweigen der älteren Bäume nach oben ragen, erinnern eindeutig an Kerzen. Der Duft der Weißtanne wird in Büchern gerne als „balsamisch“ beschrieben, doch richtiger wäre: Die Weißtanne riecht nach Weihnachten. Wer schon einmal eine Tannenadel zwischen den Fingern zerrieben hat, weiß, wovon ich spreche.

Die Weißtanne ist nur im weiteren Sinne eine Gebirgsbaumart, denn sie kommt natürlicherweise auch im weiteren Umfeld der Mittel- und Hochgebirge Europas vor, etwa im Voralpenland bis hin zur Donau. In der Forstwirtschaft wird sie auch außerhalb ihrer natürlichen Verbreitung gepflanzt. Besonders gut gedeiht sie aber in den mittleren Gebirgslagen, wo sie mit Fichte und Rotbuche den sogenannten Bergmischwald dominiert. Ausgewachsene Weißtannen sind stattliche Erscheinungen und mit einer Höhe bis zu 60 Meter die höchsten Bäume unserer Wälder. Sie können ein stolzes Alter von 500 Jahren erreichen. Ihre dunkelgrünen Nadeln haben auf der Unterseite zwei parallele weiße Streifen, sind weich und vorne abgerundet, wodurch man sie leicht von der Fichte unterscheiden kann („ Fichte sticht, Tanne nicht.“). Das „Weiß“ in ihrem Namen hat die Tanne von ihrer Rinde, die tatsächlich sehr hell silbrig leuchtet. Findet man einen Zapfen im Wald, wird der meist ganz pauschal als Tannenzapfen bezeichnet, was aber absolut falsch ist, denn die Zapfen der Tanne findet man gerade eben nicht auf dem Waldboden- zumindest nicht als Ganzes, denn die Tannenzapfen lösen sich noch am Zweig auf und die Schuppen fallen einzeln zu Boden.

Die Tanne hat helles, gerades Holz, das mit dem der Fichte vergleichbar ist. Tannen ertragen mehr Schatten als die meisten anderen Bäume, reichen mit ihrer langen Pfahlwurzel an Wasserreserven im Boden, die andere nicht erreichen und durchwurzeln auch schwere Tonböden ohne große Probleme. Warum ist die Tanne aber trotz all dieser wunderbaren Eigenschaften in unseren Wäldern vergleichsweise selten zu finden? Das liegt zum einen daran, dass sie sich nie so recht an die Kahlschlagwirtschaft anpassen wollte, die bis vor kurzem gängige Praxis bei Förstern und Waldbesitzern war. Als ausgeprägte Schattenbaumart braucht sie die Überschirmung durch ältere Bäume und wird auf Freiflächen leicht Opfer von Spätfrösten. Zum anderen gehören die Knospen der Tanne zum Lieblingsfutter von Rehen und Hirschen. Junge Tannen werden besonders häufig verbissen, wodurch sie ihren Wuchsvorsprung verlieren und schließlich von anderen Baumarten (meistens der Fichte) überwachsen werden. Aber der Wind hat sich gedreht in den letzten Jahren. Die Tanne ist wieder im Kommen. Wo sie von Natur aus wächst, wird sie verstärkt gefördert, und wo sie noch nicht oder nicht mehr vorkommt, gezielt gepflanzt. Zu verdanken hat sie ihr Comeback dem Klimawandel, denn dort, wo sich die reinen Fichtenwälder durch Sturm und Borkenkäfer auflösen, steht die Weißtanne als Alternative hoch im Kurs.

Abgesehen von den waldbaulichen Vorteilen ist es sicher auch so kein Fehler, mehr Tannen in die Wälder zu bringen, denn die Weißtanne war schon immer ein heiliger Baum, der den Menschen Glück und Schutz vor dem Bösen schenkte. Die Bäumchen, die man beim Richtfest auf dem Hausgiebel befestigt, um das Haus und seine Bewohner vor Unglück zu schützen, waren früher grundsätzlich Weißtannen. Durch Tannenzweige auf dem Misthaufen konnte man in der Walpurgisnacht Hexen fernhalten und ein Palmbuschen war erst dann wirklich hilfreich, wenn Tannenzweige in ihn hineingebunden wurden. Mit mehr Tannen in den Wäldern kann es also eigentlich nur besser werden. Aber auch, wenn in Zukunft die Weißtanne wieder häufiger zu finden sein wird, bitte nicht auf die Idee kommen, heimlich einen kostenlosen Christbaum mitgehen zu lassen! Denn wer eine Tanne stiehlt, heißt es, wird die nächsten sieben Jahre Pech haben. Und das ist es dann auch wieder nicht wert.

Text: Annemie Kastlmeier
Bilder: Annemie Kastlmeier

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