Kraut des Monats (09/26)

Gemeiner Wacholder (Juniperus communis)

Zugegeben, man kann darüber diskutieren, ob der Wacholder wirklich in die Kategorie Alpenpflanzen gehört. Denn mit Vorkommen in Nordamerika, Grönland, Europa, Nordafrika und einem Großteil von Asien ist er das am weitesten verbreitete Nadelgehölz der Welt. Aber da der Wacholder eine Vorliebe für Kalkböden hat, kommt er eben auch häufig unter anderem in den bayrischen Kalkalpen vor. Es gibt sogar eine mit 70 bis maximal 100 cm Höhe ziemlich kleinwüchsige Unterart, den Alpen-Wacholder (Juniperus communis var. saxatilis), der aber auch nicht nur in den Alpen, sondern in so ziemlich allen Gebirgen des oben genannten Verbreitungsgebiets vorkommt.

Der Wacholder ist ein immergrüner Strauch mit sehr stacheligen Nadeln, der teilweise auch als kleiner Baum wächst und Höhen von etwa 12, seltener auch bis zu 18 Meter erreichen kann. Er wächst sehr langsam, ist aber gleichzeitig sehr lichtbedürftig. Das ist eine schlechte Kombination, denn anderen Bäumen ist der Wacholder an Wuchsgeschwindigkeit weit unterlegen und würde in einem normalen Wald sehr schnell untergehen. Ihm bleibt nur das Ausweichen auf Standorte, die anderen Bäumen nicht zusagen. So findet man den Wacholder von Natur aus nur auf sehr trockenen, eher kargen Böden in Heidegebieten und an trockenen Felshängen. Aber zum Glück gibt es da noch den Menschen. Anders als die meisten Pflanzen gehört der Wacholder zu den glücklichen Arten, die tatsächlich von der menschlichen Rumpfuscherei in der Natur profitieren. Dem Menschen verdankt der Wacholder seine besten Standorte: Trockene Weidelandschaften. Während Kühe und Schafe die meisten Pflänzchen auf ihren Weiden ordentlich kurzhalten, rühren sie die stacheligen Wacholderpflänzchen nicht an. Mit der Zeit entstehen so die typischen strauchbestandenen Magerwiesen, die man aus Schafweidegebieten wie der schwäbischen Alb kennt. Aber auch in den Alpen gibt es solche sogenannten sekundären Wacholderstandorte. Wer einmal in die Laubau bei Ruhpolding kommt, findet direkt hinter dem Holzknecht-Museum ein schönes Beispiel.

Bekannt ist der Wacholder vor allem wegen seiner Verwendung in der Küche. Seine dunklen Beeren sind ein typisches Gewürz in Sauerkraut und vielen Fleischgerichten. Außerdem würzt er (und damit landen wir mal wieder beim Alkohol) den bekannten Gin, aber auch weniger bekannte Spirituosen mit so klangvollen Namen wie Krambambuli, Steinhäger und Borovička. Wer die Wacholderbeeren nicht einfach im Supermarkt kaufen, sondern in freier Wildbahn sammeln will, muss allerdings ein paar Dinge beachten: Zum einen steht der Wacholder trotz seiner weiten Verbreitung bei uns auf der Roten Liste (allerdings eingestuft als „ungefährder“, deshalb ist es eine eher lässliche Sünde, wenn man mal eine Hand voll Beeren mitgehen lässt). Dann sollte man sicherstellen, dass man den heimischen Wacholder nicht mit giftigen Arten wie dem Sadebaum oder in Gärten häufigen anderen Wacholderarten verwechselt, die ebenfalls giftig sind. Und zum dritten findet man (anders als wir das in „Das Leben des Brian“ vielleicht gelernt haben) nicht automatisch an jedem Wacholderbusch auch Wacholderbeeren. Das liegt daran, dass der Wacholder zweihäusig ist, das heißt, dass, anders als bei den meisten Pflanzen, männliche (also Pollen bildende) und weibliche (also fruchtbildende) Blüten nicht am selben Strauch vorkommen. Es gibt beim Wacholder rein männliche und rein weibliche Pflanzen und die Beeren findet man logischerweise nur an den weiblichen. Wenn sie nicht gerade in Sauerkraut oder Schnaps wandern, werden die Wacholderbeeren von Vögeln gefressen und die Samen über ihre Ausscheidungen verbreitet. Hauptverzehrer und Verbreiter der Wacholderbeeren ist – man hat es fast schon vermutet – die Wacholderdrossel.

Was hilft, wenn man ein krankes Kind im Haus hat, einen Mensch mit Warzen, Hühneraugen oder Epilepsie, böse Geister und Hexen, oder -Gott bewahre! – die Pest? Für die Menschen früher war die Antwort ganz einfach: Der Wacholder. Auch gegen die Maul- und Klauenseuche sollte er helfen, und wer einen Stock aus Wacholderholz in die Grundmauern seines Hauses einbaute, dem würden die bösen Gedanken neidischer Leute nichts anhaben können. Ein Wacholderzweig über der Haus- oder Stalltür hielt Hexen schon dadurch draußen, weil sie vor dem Eintreten erst sämtliche Nadeln zählen mussten und beim dicht benadelten Wacholder mit dem Zählen gar nicht fertig wurden. In großen Teilen Europas war es Brauch, Räume, in denen jemand gestorben war, mit Wacholderholz auszuräuchern. Besonders exzessiv wurde dieser Brauch in Pestzeiten angewandt, was tatsächlich hilfreich war, denn der Wacholder hat erwiesenermaßen eine keimtötende Wirkung. Kein Wunder, dass eine so heilkräftige Pflanze große Verehrung genoss. Vor dem Wacholder soll man, ebenso wie vorm Holunder, den Hut ziehen, heißt es. Wer sich also nach der Lektüre dieses Artikels sofort begeistert auf den Weg in die Laubau macht, sollte unbedingt einen Hut mitnehmen, damit er ihn dort ziehen kann.

Text: Annemie Kastlmeier
Fotos: Canva

 

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