
Alpen-Edelweiß (Leontopodium nivale)
Irgendwann musste es an dieser Stelle ja auftauchen, das Edelweiß, die Alpenpflanze aller Alpenpflanzen. Es ist das Symbol für Bergsport, Alpentourismus und die Alpen schlechthin, ziert mit seinen weißen Blüten Geldstücke, Apenvereinslogos und sämtliche Gegenstände in jedem Souvenirshop, der auch nur in der Nähe der Alpen liegt, vom Fingerhut über Postkarten, Socken und Regenschirme bis zu den Trachtenjankern jodelnder Plüschmurmeltiere. Das Edelweiß blüht auf dem österreichischen 2-Cent-Stück, auf den Standarten diverser historischer wie noch existierender Gebirgsbataillone und natürlich auch hier auf eben dieser Internetseite. Und wenn Asterix und Obelix nach Helvetien reisen, was können sie dort schon anderes finde wollen als das Edelweiß?
Hübsch sieht die kleine Pflanze schon aus mit ihren weißen, filzigen Blüten, die in Rosetten auf bis zu 20 cm hohen Stängeln stehen. Bei diesen weißen Blättern handelt es sich botanisch allerdings nicht, wie man meinen könnte, um Blütenblätter, sondern um sogenannte Hochblätter, also umgeformte Laubblätter. Die eigentlichen Blüten sitzen zu jeweils 60 bis 80 Stück an den meist gelben Knubbeln in der Mitte der Blüte. Finden kann man das blühende Edelweiß von Juli bis September auf alpinen Rasen, felsigen Wiesen, manchmal auch auf Almweiden oder in steileren Felsgebieten. Kaum einer weiß, dass dieses Pflanze gewordene Symbol der Alpen eigentlich kein ursprünglicher Alpenbewohner ist. Eingewandert ist es erst nach der letzten Eiszeit aus den asiatischen Steppengebieten.
Lange Zeit führte das Edelweiß eher das Dasein eines Mauerblümchens. Nur gelegentlich kam ein junger Bursche daher und pflückte eine der Blüten als Geschenk für seine Liebste. Manchmal nahm man das Kraut auch mit Milch und Honig gegen Bauchschmerzen ein. Vielleicht ist an der Sache mit Asterix und Obelix doch mehr dran als bloßes Klischeedenken. Immerhin brauchen sie das Edelweiß, um einen römischen Quästor zu heilen, der nach einer Vergiftung unter heftigen Bauchschmerzen leidet. Gelegentlich räucherte man mit dem getrockneten Edelweiß auch Haus und Stall aus, da man glaubte, dass weder böse Geister noch der Teufel selbst den Geruch der Pflanze ertragen können.
Berühmt wurde das Edelweiß tatsächlich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch niemand geringeren als Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sissi. Manche werden sich noch an die Szene im dritten Teil der Sissi-Filme erinnern, als Karl-Heinz Böhm als Kaiser Franz todesmutig in eine Felswand kraxelt, um seiner Sissi ein Edelweiß zu pflücken. Tatsächlich ist die Szene gar nicht so weit hergeholt, denn ein Edelweiß hat der Franzl seiner Sissi auf einer gemeinsamen Bergtour wirklich gepflückt. Vermutlich hat der Kaiser von Österreich sein Leben nicht mit einer sinnlosen Kraxelei aufs Spiel gesetzt, sondern hat das damals noch recht häufige Edelweiß einfach auf einer Bergwiese vom Wegrand gepflückt. Jedenfalls wurde das Edelweiß zur erklärten Lieblingspflanze des Kaiserpaars. Und weil die Menschen früher auch nicht viel anders waren, als sie es heute sind, kam das, was die „Royals“ taten natürlich bald auch beim gemeinen Volk in Mode. Das Edelweiß wurde zu einem Must-have für jeden Bergurlauber und weil der Bergtourismus zu dieser Zeit gerade an Fahrt aufnahm, war die Jagd auf die kleine weiße Blume quasi eröffnet. Jeder Bergsteiger, der auf sich hielt, musste ein Edelweiß mit ins Tal bringen. Findige Einheimische pflückten die Blumen büschelweise und verkauften sie an die Touristen, die zu faul waren, selbst auf die Berge zu klettern. Die Sammelwut setzte dem Edelweiß so zu, dass es in Österreich bereits 1886 unter Schutz gestellt wurde. Seit es auch in den anderen Alpen-Ländern unter Naturschutz steht, erholen sich die Edelweißbestände langsam wieder. Man muss nicht mehr unbedingt in steile Felswände klettern, um eines zu finden. Mitnehmen sollte man davon allerdings nur ein Foto.
Wer aber darauf besteht, eine echte Edelweißpflanze mit nach Hause zu nehmen, kann sie heute problemlos in jedem Gartencenter kaufen. Ganz so wollig weiß wie in den Hochlagen der Alpen wird es im eigenen Garten aber nicht werden, denn weil im Flachland die Sonneneinstrahlung niedriger ist als im Gebirge, sind auch die weißen Härchen, die dem Sonnenschutz dienen, nicht so stark ausgebildet. Pflanzen, die im Flachland wachsen, sind deshalb eher Edelgrün als Edelweiß. In der Schweiz wird das Edelweiß heute sogar landwirtschaftlich angebaut. Verkauft wird die Pflanze aber meist nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form, sondern verarbeitet in Kosmetikprodukten. Wegen der enthaltenen Antioxidantien wird es in Anti-Aging-Produkten und Sonnencremes verwendet.
Manchmal findet man auch eine Edelweißblüte, die größer ist als die anderen (also einen Durchmesser zwischen 6 und 12 cm hat). Dabei handelt es sich um einen sogenannten Edelweißkönig. Wer einen davon pflückt, der soll großes Glück und übernatürlichen Mut erhalten. Aber Vorsicht! Der Edelweißkönig wird von Berggeistern beschützt. Und vom Naturschutzgesetz.
Text: Annemie Kastlmeier
Fotos: Canva

