Kraut des Monats (07/26)

Alpen-Waldrebe (Clematis alpina)

Was eine Liane ist, weiß wahrscheinlich jeder: Diese langen, seilartigen Dinger, an denen sich Tarzan durch den Dschungel schwingt. Aber weiß jemand, dass auch in den Alpen Lianen von den Bäumen hängen können? Die Alpen-Waldrebe ist botanisch gesehen eine verholzende Liane, die einzige, die im Gebirge vorkommt. Na ja, sehr weit könnte sich Tarzan daran nicht schwingen, denn ihre Triebe ranken sich nur bis zu 3 m hoch, dafür blüht sie aber sehr hübsch.

Von Mai bis August kann man die blau-violetten Blüten mit den vier Blütenblättern bewundern, die nicht nur für Menschen einen besonderen Reiz haben. Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten werden magisch angezogen von den Nektarblättern in der Blütenmitte. Bei diesen handelt es sich um umgebildete Staubblätter, die aber keinen Pollen, sondern eine ganze Menge Nektar produzieren. Aus einer bestäubten Blüte entstehen mehrere kleine Samen, die jeweils einen langen, federartigen Fortsatz haben, der nach der Samenreife als Flughilfe dient. Die Waldrebe lässt ihre Samen hauptsächlich vom Wind verbreiten, deshalb bleiben die Samen den Winter über an der Pflanze und und werden erst von den Frühjahrsstürmen fortgetragen.

Finden kann man die Alpen-Waldrebe -welche Überraschung- in den Alpen, aber auch anderen europäischen Gebirgen wie den Pyrenäen, dem Appenin und den Karpaten. Sie bevorzugt kalkhaltige Böden und Standorte im Halbschatten und lichten Schatten an Wald- und Gebüschrändern, Schluchten und Flesstandorte. In den bayrischen Alpen kommt sie bis in Höhen von fast 2000 Metern vor.

Findet man im Flachland lianenartige Kletterpflanzen mit hübschen, allerdings kleineren und weißen Blüten, hat man es wahrscheinlich mit einer nahen Verwandten der Alpen-Waldrebe zu tun: Der Gewöhnlichen Waldrebe (Clematis vitalba), die vor allem in Auwäldern weit verbreitet ist. Auch als Zierpflanze erfreut sich die Waldrebe hoher Beliebtheit. Es gibt eine gewaltige Menge groß- oder kleinblütiger Zuchtsorten in den verschiedensten Farben, die teilweise aus der Alpen- und der Gewöhnlichen Waldrebe, teilweise auch aus anderen Clematis-Arten gezüchtet wurden. Gärtnerisch kann man sich hier also voll austoben.

Die Alpen-Waldrebe gehört zu den Hahnenfußgewächsen und ist daher wie (fast) alle Pflanzen dieser Familie, giftig. Pflücken sollte man sie auch nicht mit bloßen Händen, denn die Giftstoffe verursachen Hautrötungen und Juckreiz. Was an sich nicht schön ist, habt einer bestimmten Berufsgruppe in früheren Zeiten die Arbeit oft ziemlich erleichtert. Bettler haben sich nämlich den Waldrebensaft (ob den der Gewöhnlichen oder der Alpen-Waldrebe ist nicht wichtig, es funktioniert bei beiden) ins Gesicht geschmiert, um mitleiderregender auszusehen und mehr Almosen zu bekommen. Das nur als kleine Anregung am Rande, falls man mal kein Geld mehr für das Radler auf der Hütte hat. Vielleicht kann man die Hüttenwirte ja mitleidig stimmen…

Text: Annemie Kastlmeier
Fotos: Canva

 

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