Kraut des Monats (06/26)

Blutwurz (Potentilla erecta)

Nach Enzian und Zirbelkiefer schon wieder eine Pflanze, bei der man als erstes an Schnaps denkt! Denn wem kommen bei dem Wort Blutwurz nicht zuerst die „Qualitäten zum Zwitschern“ in den Sinn? Vielleicht kennt auch der eine oder andere die gelben Blümchen, die auf den betreffenden Schnapsflaschen die Etiketten zieren. Aber würde jemand die Blutwurz auch draußen in der freien Natur erkennen?

Im Grunde ist das gar nicht schwer, denn obwohl die Blutwurz mit 10-30 cm Höhe ziemlich unscheinbar ist und ihre gelben Blüten nicht wirklich aus der Masse gelb blühender Pflanzen herausstechen, hat sie doch eine Eigenschaft, die sie unverwechselbar macht: Die Blutwurz gehört zur ziemlich großen Familie der Rosengewächse, zu denen neben den Rosen auch sämtliche heimische Obstbäume, Beerensträucher und so illustre Pflanzen wie Frauenmantel, Odermenning oder das Gänsefingerkraut gehören. Bei all ihren Unterschieden haben die Pflanzen der Familie eines gemeinsam: Sie haben an ihren Blüten grundsätzlich 5 Blütenblätter -mit Ausnahme der Kulturrosen, die in der Regel sehr viel mehr haben, und der Blutwurz, deren Blüten (fast) immer nur vier Blütenblätter besitzen. Man muss also kein Botaniker sein, um die Blutwurz zu erkennen. Es reicht, wenn man bis vier zählen kann.

Zu finden ist die Blutwurz, und das gar nicht so selten, in Nord- und Mitteleuropa, wobei sie im südlichen Verbreitungsgebiet hauptsächlich im Gebirge vorkommt. In den Alpen wächst sie bis in Höhen von 2200 Metern. Sie bevorzugt eher saure Böden in Mischwäldern, auf Heiden und Magerwiesen und gilt als Zeiger für nährstoffarme, magere Böden.

Der lateinische Name Potentilla, der so viel heißt wie „mächtig“, wirkt angesicht des kleinen, zarten Pflänzchens ziemlich fehl am Platz, aber die Macht der Blutwurz findet man nicht über, sondern unter der Erde. Wer die Wurzel (die botanisch korrekt eigentlich ein Rhizom ist) ausgräbt und mit dem Messer anschneidet, merkt gleich, woher der Name Blutwurz kommt, nämlich von dem roten Farbstoff, der darin enthalten ist. Und eine Wurzel, die rot wie Blut ist, muss natürlich bei allem helfen, was mit Blut zu tun hat. So hat man sich das früher wohl gedacht und die Pflanze eingesetzt zur Blutstillung, Wundheilung, bei blutigem Durchfall (weshalb die Blutwurz auch Ruhrkraut genannt wird), bei Wundfieber, Blutarmut und zu starker Monatsblutung. Naja, wird man sich jetzt denken, die Leute früher, die wusstens einfach nicht besser. Aber eigentlich wussten die Leute früher ganz gut, was sie taten. Die Wirkung, die man der Blutwurz früher zugeschrieben hat, ist heute wissenschaftlich erwiesen. Tatsächlich wirkt Blutwurz durch die vielen Gebrstoffe, die sie enthält, zusammenziehen und blutstillend, außerdem hat sie entzündungshemmende und antibiotische Wirkung, besonders bei Erkrankungen der Verdauungsorgane, aber auch bei Entzündungen und Blutungen im Mund- und Rachenraum. Ihre Wirkung entfaltet die Blutwurz übrigens auch bei Tieren, wie Hunden, Pferden, Ziegen und Kühen. Den Namen Potentilla hat sich das Kräutchen also durchaus verdient.

Wer das bei all den wunderbaren Eigenschaften der Blutwurz nicht für Verschwendung hält, kann die Wurzel auch zum Färben benutzen. Auf Wolle ergibt sie schöne Rottöne. Die Samen, ein indigenes Volk aus Nordskandinavien, hat früher mit Blutwurz seine Rentierfelle gleichzeitig gefärbt und gegerbt.

Es heißt, dass der Teufel einmal im Jahr ein Stückchen von der Blutwurzwurzel abbeißt. Vielleicht, weil er so einen Hass auf das heilkräftige Pflänzchen hat. Und tatsächlich sieht die Wurzel ein bisschen so aus, als sei ein Stück davon abgebissen worden. Verwechseln darf man die Blutwurz deshalb aber nicht mit dem Gewöhnlichen Teufelsabbiss (Succisa pratensis bzw. Scabiosa succisa), bei dem der Teufel ein noch größeres Stück aus der Wurzel gebissen hat. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Monat…

Text: Annemie Kastlmeier
Fotos: Canva

 

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