Kraut des Monats (05/26)

Keulenbärlapp (Lycopodium clavatum)

Was haben mittelalterliche Feuerschlucker, die Band Rammstein und ein Päckchen Kondome gemeinsam? Nein, das soll kein Auftakt zu einem Witz sein, das ist eine ganz ernst gemeinte Frage. Und die Antwort ist wenig überraschend, sie steht ja schon in der Überschrift: Den Bärlapp. Was uns gleich zur nächsten Frage führt: Warum?

Der Keulenbärlapp ist eine von weltweit etwa 50 Bärlapp-Arten. Er kommt von Europa über Asien bis in die tropischen Regionen Afrikas vor und klettert in den Alpen auf Höhen bis zu 2300 Metern, wo er kalkfreie, karge Böden in Nadelwäldern, auf Heiden und Magerrasen besiedelt. – Schön, aber was hat das jetzt mit Rammstein zu tun? – Geduld, Geduld! Das kommt schon noch.

Mit ihren grünen Trieben, die nicht höher als 30 cm über den Boden ragen, wirkt die Pflanze zunächst eher unscheinbar, und wird wohl von vielen Leuten fälschich für ein Moos gehalten. Nimmt man aber ein solches zartes Triebchen in die Hand und zieht es vom Boden hoch, merkt man, dass es nur ein kleiner Teil eines viel längeren Triebes ist, der bis zu 4 m weit über den Boden kriecht. – Ja, ganz toll. Und was ist jetzt mit den Feuerschluckern? – Jaja, dazu kommen wir ja gleich.

Von Juli bis August erscheinen 3-6 cm lange, gelbe Ähren an den Enden der Triebe. Das sind die Sporenstände, von denen aus die winzigen Sporen mit dem Wind verbreitet werden. Nicht verwechseln darf man die Sporen mit dem Blütenstaub, den man von anderen Pflanzen kennt. Bei dem handelt es sich im Prinzip um die männlichen Keimzellen, die die weiblichen Zellen der Blüte, in der sie landen, befruchten. Die Pollen des Bärlapps sind dagegen so etwas wie die Vorstufe eines Samenkorns. Sie suchen sich keine Blüten zum Bestäuben, sondern fallen in der Regel einfach irgendwo zu Boden, wo sie dann erst mal 6-7 Jahre liegen bleiben können. Erst danach wächst aus ihnen ein Vorkeim, bei dem es sich aber immer noch nicht um die eigentliche Pflanze handelt. Die entsteht erst durch die Verschmelzung der männlichen und weiblichen Keimzellen, die beide auf dem Vorkeim wachsen.

Und damit sind wir endlich bei der Antwort auf die Eingangsfrage angelangt: Was haben mittelalterliche Feuerschlucker, die Band Rammstein und ein Päckchen Kondome gemeinsam? Bärlappsporen. Wenn man bei Google diesen Suchbegriff eingibt, wird man erstaunt feststellen, dass es zahlreiche Seiten gibt, auf denen man dieses gelbe Pulver gleich kiloweise kaufen kann. Aber wer kauft sowas? Die Antwort: Feuerschlucker. Denn was man schon im Mittelalter wusste, nämlich, dass Bärlappsporen fein gemahlen und angezündet Stichflammen und kontrollierte Mini-Staubexplosionen verursachen, wird auch heute noch auf Mittelaltermärkten aber z. B. auch bei Filmproduktionen verwendet. Einer der Hauptabnehmer von Bärlappsporen ist die für ihre pyrotechnischen Einlagen berüchtigte Band Rammstein. Für eine einzige Tournee verbrauchte Rammstein in Jahr 2012 ganze 4 Tonnen (sagt zumindest die Süddeutsche Zeitung). Nur zum Vergleich: Die Jahresernte in ganz China (dem Hauptproduzenten von Bärlappsporen) lag im gleichen Jahr bei ca. 11 Tonnen. Aber nicht nur für Feuerschlucker sind Bärlappsporen ein begehrter Rohstoff. In der Kriminaltechnik werden sie zum Sichtbarmachen von Fingerabdrücken verwendet. Weil sie außerdem geruchlos und im Gegensatz zur Bärlapp-Pflanze an sich auch noch völlig ungiftig sind, dienen sie außerdem zum Beschichten von Gummihandschuhen und Kondomen. Und damit wäre also die Eingangsfrage beantwortet.

Wer dieses genial vielseitige Pulver selber ernten will, muss sich wohl oder übel im eigenen Garten eine Bärlappzucht anlegen, denn in der freien Natur ist der Bärlapp wie so viele hier besprochene Pflanzen streng geschützt. Wenn man es mit den Bräuchen der alten Kelten hält, darf der Bärlapp ohnehin nur von einem barfuß gehenden Priester gesammelt werden, mit der linken Hand und einem eigens geweihten Tuch, wobei die Haut auf keinen Fall mit der Pflanze in Berührung kommen darf. Wer sich allen Naturschutzgesetzen und keltischen Bräuchen zum Trotz hinreißen lässt, unerlaubter Weise Bärlapp zu pflücken, und dabei erwischt wird, sollte vorsichtshalber gleich einen Trieb in die linke Hosentasche stecken. Denn das, sagt man, führt zum glücklichen Ausgang eines Gerichtsprozesses.

 

Text: Annemie Kastlmeier
Fotos: Canva

 

Suche
Archiv
Beliebte Seiten
  1. Touren & Kurse 2693 Aufrufe
  2. Freisinger Hütte im Längental 155 Aufrufe
  3. Mitgliedschaft 144 Aufrufe
  4. Mitgliedsbeiträge 137 Aufrufe
  5. Kletterzentrum 133 Aufrufe