Kraut des Monats (02/26)

Alpen-Soldanelle (Soldanella alpina)

Die Alpensoldanelle ist mit ihren 5-15 cm Höhe ein Pflänzchen, das man leicht übersieht. Das ist ein Jammer, denn mit ihren zart blauen Blüten, die wie kleine Glöckchen an den rötlichen Stielen baumeln, ist die Soldanelle ausgesprochen hübsch. Um so schöner, wenn die keinen Blüten ganz unvermittelt aus einer nur halb geschmolzenen Schneedecke hervorbrechen. Und das passiert gar nicht selten, denn als Mitglied der Familie der Primelgewächse ist die Soldanelle wie ihre nahe Verwandte, die Schlüsselblume, eine ausgesprochene Frühlingspflanze. Ihre Blüten erscheinen zwar in der Regel erst ab April, also deutlich nach der Schlüsselblume, doch dort, wo die Soldanelle vorkommt, ist es dann oft noch Winter.

Bis in Höhen von 3000 Metern kann diese kleine Blume hinaufklettern, ist aber auch bis hinab in die Tallagen zu finden. Sie besiedelt die Alpen ebenso wie andere europäische Gebirge, z. B. die Pyrenäen und den Appenin. Auch im Schwarzwald und im Juargebiet gibt es Stellen, an denen die Soldanelle zu finden ist. Wahrscheinlich sind es die letzten Reste einer größeren Population, die sich nach der Eiszeit hier noch gehalten hat. Die Soldanelle ist ohne Zweifel eine Pflanze, die Eis und Kälte liebt, denn selbst in mehreren Tausend Metern Höhe, wo es den meisten Pflanzen an sich schon zu kalt ist, sucht sie sich noch die unwirtlichsten Plätze zum Wachsen aus. Neben sumpfigen Stellen auf alpinem Rasen ist sie auch ein Bestandteil der sogenannten Schneetälchen-Gesellschaft. Was als Name recht putzig klingt, ist in Wirklichkeit eine ziemlich harte Angelegenheit. Schneetälchen nämlich sind Stellen, in meist nordseitiger oder sonst wie schattiger Lage, wo der Schnee auch im Sommer nur langsam wegschmilzt. Mehr als vier Monate im Jahr sind sie niemals schneefrei. Wer hier wachsen will, muss also hart im Nehmen sein. Und so zart und verletzlich die Soldanelle auch erscheint, der Kälte ist sie besser gewachsen als manche knorrige Eiche.

Bestäubt wird die Soldanelle vor allem von Hummeln und Schmetterlingen, aber auch von anderen Insekten. Die Samen reifen in Kapseln heran, die sich Trockenheit öffnen. Der Wind trägt dann die Samen mit sich zu einem neuen Schneetälchen, wo im nächsten Frühjahr kleine blaue Glöckchen durch die Schneedecke brechen.

So bemerkenswert die Soldanelle ist, gibt es doch seltsamerweise keine Geschichten über sie zu erzählen, keine Mythen oder Legenden. Weder als Heil- noch als Zauberpflanze findet sie Verwendung und so muss ich mir leider mit einer Geschichte von ihrer Verwandten, der Schlüsselblume behelfen: Diese soll der Frühlingsgöttin als Schlüssel gedient haben, wenn sie über die Wiesen ging und für die Natur die neue Jahreszeit aufschloss. Einmal soll sie einem Hirten erscheinen sein und ihm mit der Schlüsselblume einen Felsen aufgeschlossen haben, in dem ein ganzer Berg von Gold und Edelsteinen verborgen lag. „Nimm dir, was du tragen kannst“, sagte sie zu dem Hirten. „Aber vergiss das Beste nicht.“ Der Hirte nahm sich, was er tragen konnte und als er aus dem Felsen hinaustrat, schloss der sich wieder hinter ihm. Das Beste aber hatte der Hirte vergessen: Die kleine Blume, mit der er den Felsen wieder hätte aufschließen können. So musste er sich mit dem begnügen, was er mitgenommen hatte (und das war ja auch schon einiges). Wer weiß, vielleicht wird einem von uns eines Tages in einem Schneetälchen jemand einen Felsen mit einem kleinen blauen Blümchen aufschließen. Ich hoffe, er wird dann über all dem Gold und den Edelsteinen nicht vergessen, was das Beste von allem ist.

Text: Annemie Kastlmeier
Bilder: pixabay

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